Seit Anfang des Jahres eine Scheu zu haben, ans Telefon zu gehen, wenn die Vorwahl von Neustrelitz zu sehen ist. Meiner Mutter zuhörend, wie es meinem Großvater geht. Ich habe im Kopf einen Begriff dafür formuliert: Langsamsterber, irgendwann platzt der heraus. Erst wird verschämt weggeguckt, dann ein wenig genickt.
Es geht um meinen Großvater, der nie meiner war, aber ich habe es so geschrieben, weil er es in dem Moment am allermeisten ist, in dem er dem Tod sehr nah ist und ich ihn verabschiede, zusammen mit meinem Vater. Die Geschichte soll schnell erzählt werden: Else lernt 1948 Hans kennen, sie ist verwitwet und hat zwei Kinder (ihr Mann ist 1941 in Minsk gefallen durch den Schuss eines Scharfschützen). Hans ist sieben Jahre jünger als meine Großmutter und kehrt aus der Gefangenschaft zurück, nach Neustrelitz. Dort wird geheiratet und es kommen zwei weitere Kinder auf die Welt. Das jüngste ist mein Vater.
Hans ist ein Zwei-Meter-Mann, immer schnieke und wie Honig für die Frauen. Doch eine – aus Neubrandenburg – verwitwet, zwei Kinder – lernt ihn im Kosmos kennen und lieben (Mann stirbt an Krebs, die Kinder sind sehr klein und sie ist vier, fünf Jahre jünger).
Zwei Jahre b e v o r die Ehe geschieden wird zwischen Else und Hans.
Es ist 1968.
Mein Großvater steigt auf. Arbeitet für die Bauaufsicht im Rates des Bezirkes Neubrandenburg.
Meine Eltern laufen zu dieser Zeit noch aneinander vorbei.
Mein Onkel wird in der neuen Ehe geboren. In der Ehe zwischen Hans und Elfriede.
Hans ist im Glück.
Die Frauen fliegen immer noch auf ihn.
Mein Vater ist bei Else. Der Else aus der ich einen Namen gemacht habe. Saganelle heißt Elsa Lange. Etwas heller mit einem A mehr als ihr Leben ist.
Sie stirbt 1986, am zweiten Weihnachtsfeiertag. Hans ist nicht dabei.
Sie stirbt an der polnischen Grenze an Nierenversagen und Lungenentzündung.
Allein.
Ich bin schon da, meine Schwester ist auf der Welt: Ich sehe meinen Vater das erste Mal in meinem Leben hemmungslos weinen.
Viele Jahre später, Hans wird 65, feiert er in der ehemaligen Stasi-Zentrale in Neubrandenburg. Wir haben 1993. Ich finde es geschmacklos und sage es ihm.
Seine Antwort: “Gehst du auch immer an das Grab deiner Großmutter ….”.
Kleiner Zwischentext: Ich bin eine sehr ähnliche Ausgabe von Else, in Blond. Sowohl Elfriede als auch Hans haben mich zwar angesehen, aber Else vor sich.
Weiter:
Ich war zu Weihnachten im Krankenhaus, als es ihm schlecht ging – vor vielen, vielen Jahren. Ich habe Einiges versucht, um nach dem Tod des Vaters meiner Mutter mehr Kontakt zu ihm zu haben. Die Telefonate endeten alle sehr mißlich. Gespräche fanden nicht statt —- Elfriede torpediert alles.
Seine Anrufe zu meinem Geburtstag endeten irgendwann. Ich war bei allen wichtigen Geburtstagen vor Ort. Aufrechnen – bloß nicht.
Nunja. Ich habe irgendwann im Spätwinter erfahren, dass Hans Krebs hat, seit mindesten zwei Jahren. Ich habe seine Absage für das vergangene Weihnachten bei meinen Eltern erlebt. Hans fand es nicht besonders wichtig, seinen Kindern zu erzählen, wie es um ihn steht.
Papa und Mama sind sehr regelmäßig nach Neubrandenburg gefahren: Besuch. Redeversuche. Papa ist zu keinem Zeitpunkt an ihn herangekommen.
Nun zu meinem Abschied. Ich habe mich vor sehr langer Zeit, auch so um 1993 emotional von ihm entfernt. Er findet in meinem Kopf und nicht mehr in meinem Herzen statt. Auch nicht mehr im Krankenhaus, weil “die Familie” ein Hospiz nicht wollte, sich mit Tod nicht auseinandersetzen kann, stirbt er dort, rasant auch in weiteren Minuten vor meinen Augen. Ich sehe das alles und nehme nicht visuell Abschied, weil diese Bilder abgewiesen werden – durch mich. Mein Verstand ordnet ein: Letztes Mal. Sehe den Tod. Lebend vor Augen.
Am Ostersonntag stirbt Hans im Krankenhaus statt in einer anderen Atmosphäre. Nicht meine Famile entscheidet, seine.
Die Beerdigung indes ließ nur die Jahre ab Elfi wiederauferstehen. Okay. War zu erwarten.
Beim Leichenschmaus hatte ich noch ein Debakel mit ihr. Else-Scham an: Du warst nicht für ihn da. Denk mal darüber nach. Er hat auf dich gewartet.
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Ich war da. Nicht für ihn. Ich habe es für Papa getan.
Und bin nach dem Abschied-Abschied an einen Horizont gefahren.